Das klitzekleine Sommerfest
Lautes Klatschen und Techno-Musik begleiten den Einlauf von Schüler:innen des 10. Wahlpflichtunterricht-Kurses von Karin Balkenhol in die Pausenhalle. Sie tragen auf Stangen montierte große, aus schwarz angemalter Pappe filigran ausgeschnittene, überlebensgroße Porträts, die ihre Schatten als Doubles an die Wand werfen – eine Hommage an William Kentridge.


Gleichzeitig lenkt das Klatschen die Aufmerksamkeit auf Dawid Liftinger, den Künstler des „fliegenden Künstlerzimmers“, das von der Crespo Foundation gesponsert vor fast drei Jahren auf dem Schulhof gelandet ist. Er eröffnet in kurzen Worten das diesjährige Kunst- und Musik-Sommerfest.



Sehr zahlreich sind Schüler:innen und deren Freund:innen, Eltern und interessierte Bürger:innen aus Wolfhagen, aber auch viele Kolleg:innen aus den anderen Fächern gekommen, um diese Schau zu sehen und zu feiern. Die gesamte Halle ist bespielt von zahlreichen Installationen der verschiedensten Klassen und Projektgruppen. Es sind so viele, dass sie hier nicht alle genannt werden können.


Auskunftswillig, stolz und neugierig stehen die Schüler:innen zu ihren Arbeiten und lassen die Eltern und Besucher:innen raten, welche Arbeit wohl von wem ist. So z. B. zu erleben am Tisch mit Buchcovern, die Schüler:innen zu Büchern aus dem „Café Nimmersatt“ – einem laufenden Projekt aus dem „fliegenden Künstlerzimmer“ in der Innenstadt von Wolfhagen – neu erfunden und nach einer Einweisung in ein professionelles Grafikprogramm am Computer gestaltet haben (Leistungskurs Jg. 12 / Karin Balkenhol).

Das Spektrum der gut inszenierten Ausstellung reicht von Malereien, die davon handeln „Wie ich die Welt sehe“ (Kl. 10G4 / Johanna Spengler), über Architektur- und Stadtgestaltungsmodelle (Kl. 10G2 / Heidrun Döring), die auf verschiedenen Ebenen übereinander aufgebaut, fantasievolle Entwürfe von Städten und Landschaften zeigen, die den Blick auf die Gestaltung zukünftiger Lebensräume lenken, bis hin zu mit Filzstift auf Luftballons gezeichneten Gesichtern, die wunderlicher Weise über kleinen Tischventilatoren als Köpfe schweben (Kl. 10 WPU / Karin Balkenhol).


Zu sehen waren außerdem kuriose Maschinenmodelle, die alles Mögliche können, wie etwa „rob de rob rob – er kann reden, sich selbst verteidigen und liebt den Weltraum“ (Mattis und Levi, Kl. 5G1 / Johanna Spengler).
In der Cafeteria-Galerie ergänzten kleine Zeichnungen und Malereien von drei ausgewählten Schülerinnen des Jahrgangs 6 und 11 die Ausstellung (Susanne Moegling). Auffällig ist, wie unterschiedlich, individuell, eigenwillig und selbstbewusst die Arbeiten sind. Das gilt etwa für die Linolschnitte von Selbstporträts auf der Basis eines Selfies, die Mut und Freude am eigenen Gesicht widerspiegeln (Kl. 10 WPU / Karin Balkenhol), oder für die stark farbigen Malereien von Totenköpfen (Kl. 10 WPU / Karin Balkenhol).
Auffällig auch, wie medienreflektierend und medienübergreifend im Unterricht gearbeitet wird. Das iPad als Zeichenblatt zu benutzen scheint selbstverständlich zu sein, wie die Projektion der Zeichnungen und die Fotoüberarbeitungen der 10. Klasse (Karin Balkenhol) zeigen. Und so können auch eine Reihe von – eigentlich ausrangierten – Overhead-Projektoren wie Skulpturen im Raum stehen. Lange Folien hängen über deren Leuchtflächen und können von den Besucher:innen wie Filmstreifen vorwärts und rückwärts gezogen werden. Sie zeigen Handy-Screenshots und Ausschnitte aus sozialen Medien, die von den Schüler:innen ausgewählt, mit Folienstift nachgezeichnet und kommentiert wurden (Kl. 6G1 und 6G2/ Cornelia Sinemus).
Ausgangspunkt war die Frage, was an den täglichen digitalen Begegnungen eigentlich sozial ist – und was nicht. Die Schüler:iInnen veränderten, ergänzten und reflektierten die Inhalte und machten daraus eigene künstlerische Arbeiten. Die Besucher:innen konnten die Folien selbst bewegen und damit durch die Bilder scrollen – ganz ähnlich wie in sozialen Netzwerken. Dadurch entstand ein unmittelbarer Zugang zum Kunstwerk: Kaum jemand scheute sich, die Folien anzufassen, denn die Form des Scrollens war allen vertraut. Die Installation machte sichtbar, wie selbstverständlich digitale Medien unseren Alltag prägen und wie Kunst diese Gewohnheiten hinterfragen kann.

Wie Medienfiguren und Zukunftsvorstellungen die Fantasie der Schüler:innen prägen, kann man nachvollziehen, wenn man in den goldenen Turm einer siebten Realschulklasse schaut. Unter dem Titel „Future Faces“ entwickelten die Schüler:innen Zukunftsgesichter aus Gipsmasken. Legt man das eigene Gesicht in die Öffnung eines Gipsabdrucks, blickt man durch die Augen auf die „Gesichter der Zukunft“ – häufig alienartige Wesen und fantastische Kreaturen, inspiriert von Filmen, Serien und digitalen Bildwelten. Gleichzeitig ertönen Tonaufnahmen, in denen die Schülerin June Tonn wiedergibt, wie sich ihre Klassenmitglieder das Gesicht der Zukunft vorstellen. Wer hineinschaut und zuhört, kann die Gedanken und Visionen der jungen Künstler:innen unmittelbar erleben und zugleich die Arbeiten der anderen betrachten. So entsteht ein vielschichtiger Dialog über Identität, Technik und die Frage, wie Menschen in Zukunft aussehen könnten. (Kl. 7R1/ Cornelia Sinemus)
Unter dem Titel „alight motion“ präsentiert sich auch die Film-AG spielerisch medienkritisch. In Animationen und Spielfilmszenen ist zu sehen, wie ein Junge fasziniert und zugleich gefangen ist von der Welt des Bildschirms und Computers. Von innen versucht er zu entkommen, wirft etwas gegen den Bildschirm, der zerspringt. So aus dem Film gefallen, sieht er die tatsächlichen Scherben vor sich auf seinem Tisch und beginnt zu zweifeln, auf welcher Seite er agiert und in welcher Realität er sich eigentlich befindet.
Sehr anspruchsvoll geht es in einer AG der 10. Klassen zu: Die Schüler:innen sind auf die Ars Electronica in Linz/Österreich eingeladen, der weltweit wichtigsten Medienkunst-Messe. Dort können sie die gesamte Fassade des Kongress- und Ausstellungshauses digital bespielen. Erste Vorschläge sind bereits als Simulation zu sehen: So haben Stefanie Stöckel und Lilly Kunz eine Welle programmiert, die um das Gebäude herumläuft. Darijo Warnecke und Damon Tovbin haben den Egoshooter Doom in ein Spiel abstrakter Farbfelder verwandelt.
Besucher:innen können von der großen Treppe vor dem Gebäude aus mit einer Steuerung eine rote Fläche navigieren, die sich durch bunte Farbfelder „frisst“ und so ständig neue abstrakte Kompositionen erzeugt. Mit Farben hat sich auch Jan Fietje Kahencke beschäftigt. Er simuliert Conway’s Game of Life auf der gesamten Fassade und zeigt wie sich Farben – anders als Pigmentfarben – digital mischen. Stefanie Stöckel und Lilly Kunz haben eine Qualle programmiert und erzählen damit eine Geschichte über die Veränderung von Zeit. Weitere Vorschläge sind in Arbeit. Das Projekt wird von David Liftinger und Karin Balkenhol geleitet und von der Crespo Foundation großzügig unterstützt.


Letztere hat die Besucher:innen auch mit einem Fingerfood-Buffet versorgt, das zusätzlich kulinarischen Genuss bot. Draußen vor der Tür in einem Gehege aus Schulbänken versorgt sich währenddessen eine bunte Schar von Hühnern völlig automatisch selbst. Schüler:innen der Klasse 7 haben diese überdimensionalen Tiere gebaut und auf Saugroboter montiert. Die Arbeit verbindet auf humorvolle Weise Natur und Technik, Fantasie und Maschine. Ausgangspunkt waren Überlegungen zu geheimnisvollen und rätselhaften Figuren, die die Schüler:innen entwickelten und mit alltäglicher Technik kombinierten. Aus einem ursprünglich rein funktionalen Gegenstand – einem Saugroboter – wurde ein künstlerisches Wesen mit eigenem Charakter.
Die Besucher:innen konnten mit der Installation interagieren und die Bewegungen der Hühner beobachten, die selbstständig durch das Gehege fuhren und ihr Futter einsammelten. Dabei stellte die Arbeit zugleich Fragen nach dem Verhältnis von Mensch, Maschine und künstlicher Intelligenz: „Wie viel Eigenständigkeit schreiben wir technischen Geräten zu? Und wie verändern sich unsere Vorstellungen von Lebewesen, wenn Maschinen immer stärker Teil unseres Alltags werden?“

Am angrenzenden Schulgarten konnte ein weiteres Highlight bestaunt werden: Dort präsentieren die Schüler:innen der Klasse 7G2 den neu gestalteten Container. Die großflächigen Bemalungen entstanden bereits in der Woche vor dem Sommerfest gemeinsam mit der eingeladenen Künstlerin Colo Kraft und mit der Unterstützung von Dawid Liftinger. So wurde der Schulhof um ein dauerhaft sichtbares Kunstwerk erweitert.


Immer wieder strömen neue Gruppen von Besucher:innen in die Halle. Sie kommen aus den Konzerten, die die Musikklassen unter der Leitung von Leo Feisthauer, Tabea Henkelmann und Johanna Schmidt in einem angrenzenden Raum aufführen. Sie sind nicht einfach nur Begleitmusik, wie die eingangs erwähnte Techno-Musik-Einlage, sondern ein eigenes anspruchsvolles und begeisterndes Programm aus Jazz- und Rockmusik. Die Konzerte sind professionell begleitet und unterstützt von der Techcrew unter Leitung von Martin Nehrig.
Kunst und Musik sind also diesen Sommer gemeinsam aufgetreten – mit großem Erfolg.
Text: Bernhard Balkenhol