Hallo, mein Name ist Jan Lotter

Ich bin Deutsch-Kolumbianer, fast 41 Jahre alt und freue mich schon sehr darauf, mit den SchülerInnen der IGS Wollenbergschule Wetter ein ganzes Schuljahr lang Kunst zu machen! Und zusammen viele neue Projekte entstehen zu lassen. Meine Mutter ist gebürtige Kolumbianerin, mein Vater Deutscher. Ich hatte also das Glück, von klein auf beide Kulturkreise kennenzulernen. Aber gerade als Teenager waren diese meist nicht vereinbar: In den 90er Jahren zum Beispiel hörten meine deutschen Freunde weder Salsa noch Cumbia-Musik und meine kolumbianischen Freunde keinen Hip-Hop. In Deutschland drehte niemand zuhause die Musik so laut auf, dass die Nachbarn mittanzen konnten. Es lief keine Musik in den Bussen, und es stieg auch niemand ein, um dir irgendwelche Dinge zu verkaufen wie Eis, Kugelschreiber, Kaugummis oder Geschichten, wie es eben in Kolumbien üblich ist. Dort hingegen hielt kein Autofahrer am Zebrastreifen, klassische Bushaltestellen mit regelmäßigen Abfahrtszeiten gab es eh nicht, und Fleischwurstbrötchen oder grüne Soße waren in Kolumbien so exotisch wie Empanadas in Deutschland.

Hola! und Hallo! oder einfach nur die Form der Wolken

Man vermisste ständig etwas aus dem Alltag des anderen Landes, sei es den Geschmack eines bestimmten Gerichts oder Getränks, den Geruch eines Ortes oder einfach nur die Form der Wolken. Beide Sprachen zu sprechen, war auf jeden Fall immer ein großer Vorteil für mich – und um die Verschiedenartigkeit der Welt zu wissen noch viel mehr.

Heute empfinde ich die Frage nach den Unterschieden zwischen beiden Kulturkreisen als nicht mehr so wichtig: Meine Heimat befindet sich irgendwo in der Verbindung von zwei Orten, die voneinander knapp 10.000 Kilometer weit entfernt liegen, die man aber immer in sich trägt. Der Alltag in beiden Ländern hat mich für Unterschiede sensibilisiert und Dinge beachten lassen, die ich sonst nie wirklich betrachtet hätte: „Hola!“ und „Hallo!“, „Was geht´n?“ und “Quihubo parce?“


Vom öden Kunstunterricht in der Mittelstufe zum „fliegenden Künstlerzimmer“

Wieso mich das Projekt so angesprochen hat, war mir im ersten Moment gar nicht ganz klar. Aber ich hatte von Anfang an großes Interesse daran, wie man mit Schülern Kunst machen könnte. Der eigene Kunstunterricht in meiner Schulzeit war, gerade in der Mittelstufe, nicht wirklich interessant. Im Gegenteil: Er war langweilig im Vergleich zu den Dingen, die im gestalterischen Bereich außerhalb der Schule abgingen, gerade im subkulturellen.

Ich habe eine ganze Weile überlegt, wie ich an die Sache mit dem „fliegenden Künstlerzimmer“ herangehen könnte. Letztendlich sehe ich es als Chance, den Begriff Kunst erst einmal außen vor lassen zu können und eher Handlungsräume zu erzeugen, bei denen die Aktion in den Vordergrund rückt und die Gestaltungsmittel selbst vielleicht im Hintergrund stehen.

„Wenn ich ganz ehrlich bin, weiß ich nicht, wo es mich hinführt. Das ist schon so eine Reise – es ist ja ein Pilotprojekt, im wahrsten Sinne des Wortes, und ich habe gewisse Tools, aber ich weiß nicht, wo ich rauskomme und wo genau die Reise hingeht. Ich weiß aber, dass es gut wird!“ (Jan Lotter, Künstlerstipendiat)

 

 


Den „Blick über die Dinge“ weitergeben

Ich hoffe, dass im Verlauf des Schuljahres viele positive Dinge passieren und sich im besten Falle alle gegenseitig mit Enthusiasmus triggern, dass viele Projekte entstehen, die hoffentlich auch nach dem Jahr noch Bestand haben werden. Letztendlich geht es darum, einen Blick über die Dinge weiterzugeben, dabei nicht didaktisch zu sein und dies so zu gestalten, dass sich sowohl SchülerInnen und LehrerInnen als auch Menschen aus der direkten Umgebung davon angesprochen fühlen. Das ist definitiv eines meiner Ziele für das kommende Schuljahr!

Außerhalb des Museums im Alltag einen Platz finden

Die größte Herausforderung liegt sicherlich darin, offen zu sein und durch die Augen der SchülerInnen zu sehen. Ich verstehe mich dabei als ein Katalysator, um Dinge anzustoßen und neue Sichtweisen zu ermöglichen. Dabei geht es weniger darum, Entscheidungen zu treffen, wie genau das Ergebnis auszusehen hat, sondern vielmehr darum, Relevanz für die Handlungen zu erzeugen, die den Schulraum als eigenen Raum erfahrbar machen. Man kann ihn verändern, neu definieren, umdenken etc. und dabei den Blick auf „Kunst“ erweitern, als etwas, was außerhalb des Museums im Alltag einen Platz findet. Jeder sollte eingeladen sein, in diesen Prozess eingreifen zu können.


Eine Geste des Willkommenseins

Ich war bereits durch den ersten gemeinsamen Workshoptag sehr beeindruckt von der Offenheit der teilnehmenden LehrerInnen. Auch dass eine Gruppe SchülerInnen spontan zum Vortrag dazukommen wollte und aufmerksam den vorgestellten Projekten zuhörte, empfand ich als eine Geste des Willkommenseins. Es ist eine große Neugierde bei den Beteiligten zu spüren, und da es für alle eine neue Situation ist, gibt es viel zu erforschen und zu entwickeln. Der Freiraum ist auf jeden Fall gegeben, auch dank der extra dafür entwickelten Wohn- und Atelierarchitektur. Ich freue mich sehr darauf!

Foto: Jessica Schäfer