Und am Ende war es ganz still in unserer kleinen Fabrik. Und ich war fasziniert davon, wie gut unsere Inszenierung geklappt hat; und ich war entsetzt davon, wie gut unsere Inszenierung geklappt hat.

Hoffen wir nicht alle insgeheim auf eine kleine Revolte? Gehen wir nicht ganz selbstverständlich davon aus, dass unsere Schüler*innen, oder unsere Kinder sich gegen den Strom stellen werden und mit der wehenden Fahne des Aufstandes „NEIN“ brüllen? Denken wir nicht, sie sind alle ein wenig Greta?

Aber vielleicht ein paar Schritte zurück: Ich wollte einfach mal etwas ausprobieren und ein neues Thema in meinem Geschi-GK mit Körpereinsatz und Kunst einschlagen lassen. Hinfort mit den schönen klassischen Unterrichtseinstiegen: auf in ein Wagnis! Gesagt, getan, Janina gefragt.

Zwei Wochen später sollte es losgehen. B-Woche. Nachmittagsunterricht. Super, da kann man davor Einiges aufbauen und einrichten. Ich würde mich an dieser Stelle als blauäugig bezeichnen: Habe ich den Aufwand eines solchen 90min-Ereignisses einfach komplett unterschätzt? Ich suchte nach Input, Janina suchte nach Input. Ich kam mit Revolutionen, sie mit Metropolis; ich kam mit Fabriken, sie mit Marx; ich wollte Hegel, sie rote Fahnen; ich war für Steineschleppen, sie für Körpereinsatz in einer Hierarchie-Inszenierung…

Das ging eine Weile so Hin und Her und dann war der Tag des Spektakels gekommen und wir machten einfach. Maschinen und Hitze, schlechtes Licht, schlechte Luft und miserable ergonomische Bedingungen. Unsere Fabrik wurde das Musterbeispiel der arbeitsunwürdigen Bedingungen für jede Sicherheitsfachkraft. Wir bastelten Lohntüten und Steckkarten. Wir schufen Arbeitssektionen und Raum für einheitliches Marschieren. Es gab Geld in Form von Nüssen. Gearbeitet, so war der Plan, sollte an der Massenproduktion von Papierbötchen werden.

Es konnte losgehen. Durchsage an alle: Der Geschichtsgrundkurs von Frau Hertweck möge sich vor dem Gebäude formieren…die Blicke meiner Schüler*innen hätte ich fotografieren sollen. Noch besser war meine schauspielerische Leistung in den ersten zehn Unterrichtsminuten – professionelles Anwesenheitskontrollieren dauert leider nicht zehn Minuten: Also musste ich Zeit schinden. Hausaufgaben einsammeln hilft da immer! Draußen angelangt wurde aus der ziemlich freundlichen Frau Hertweck (ich hoffe das sehen alle Leser*innen auch so) eine autoritäre Schinderin, die schreiend und zeternd 25 Schüler*innen in Zweierreihen und Marschschritt quer durch die Schule ins Richtung „Fliegendes Künstlerzimmer“ scheuchte.

Links, zwo, drei, vier – lief ganz gut. Alle kamen an, keiner brach aus. Vor Ort erkannten einige Schüler*innen den Ernst der Lage noch nicht. Zwei, drei Anbrüller*innen später dann wohl schon… Dank der dort stationierten Vorarbeiter*innen, die erst einmal die Stechkarten stempelten (vielen Dank für eure Mitarbeit!).

Ab in die Inszenierung. Janina wartete schon. Marschieren, reagieren, gehorchen. Alles im Takt und dann ab an die Arbeit. Jede Sektion mit klarem Arbeitsauftrag: Schnell, viel produzieren. Spätestens an dieser Stelle hätte ich erwartet, dass die ersten aussteigen. Uns den Mittelfinger zeigen. Einfach nicht mehr mitmachen. Aber Pustekuchen: Die Vorarbeiter*innen konnten ihre Schüler*innen mal mit allem Beschimpfen, was so im Repertoire war. Und erstaunlich – die Schüler*innen funktionierten! Selbst nach fünfzehn Minuten sinnloser Arbeit bastelten die noch fleißig identische Bötchen. Manche sogar mit Arbeitsteilung.

Ich musste feststellen, dass in mir nicht unbedingt der „Hierarchie-Arschloch-Lehrer“ schlummert. Ich fühlte mich schlecht beim Schreien. Meine Uniform habe ich gar nicht erst angezogen und am liebsten hätte ich beim Bötchenbasteln geholfen. Habe mich tatsächlich dreimal dabei erwischt, dass ich auf Augenhöhe gekniet habe, um irgendetwas zu sagen… war nix mit „von oben herab“.

Nach dem Basteln war Zahltag. Es gab Lohn für Masse, Lohn für Männer und wenig Lohn für Frauen. Manche bekamen auch einfach keinen Lohn – warum auch? Die Lohntüten waren eben alle. Janina brachte die Strammstehen-Gruppe danach noch etwas in Bewegung, um diese am Ende mit Blickrichtung Leinwand zu versammeln und ihnen ein Böhmermann-Video vorzuspielen (Paketdienstmitarbeiter, für alle, die es mal googeln wollen). Licht an. Hinsetzen. Auf Reaktionen warten. Laaaange aushalten.

Und am Ende war es ganz still in unserer kleinen Fabrik. Und ich war fasziniert davon, wie gut unsere Inszenierung geklappt hat; und ich war entsetzt davon, wie gut unsere Inszenierung geklappt hat. Und heute, einen Tag später: Da war wenig, da kamen nur ein paar Tropfen an Rückmeldung. Erinnerungen, Verknüpfungen, Erlebnisberichte. Und doch waren es diese kleinen Tropfen, die den Stein höhlen; die die Pflänzchen nähren. Es war nicht mehr still.

Lisa Hertweck (Lehrerin Geschichte GK 12)